Artikel: Null Interesse am Aschestreufeld

Produktion dem Zeitgeist anpassen

Produktion dem Zeitgeist anpassen



ein Artikel aus der NW

Drensteinfurt - Als Konrad Adenauer Anfang der 60-er Jahre lakonisch sagte, „Kinder kriegen die Leute immer“, ahnte er noch nicht, dass auch diese Entwicklung konjunkturellen Schwankungen unterliegt. Bisher unumstößlich ist hingegen der Umstand, dass Menschen früher oder später ableben. So liegt aus einer nüchternen wirtschaftlichen Perspektive die Vermutung nahe, dass Bestatter, Friedhofsgärtner und Sargfabrikanten unabhängig von Auf- und Abschwüngen wirtschaften können.

Aber auch wenn Hans Heiner Wessel, Geschäftsführer des Familienunternehmens, nicht unmittelbar an die Konjunktur gebunden ist, sieht er den Markt für Särge im Wandel begriffen. „Durch die zunehmende Anzahl von Verbrennungen wird es immer schwieriger, den althergebrachten Sarg zu verkaufen“, bilanziert der Drensteinfurter Unternehmer. Zusammen mit seinem 16-köpfigen Team produziert Wessel im Industriegebiet Viehfeld Särge für den deutschen Markt. Im Umkreis von 100 bis 150 Kilometern beliefert er von Drensteinfurt aus direkt die Bestatter. Was darüber hinausgeht, wird über die Großhandlungen geregelt, von denen er auch zwei, in Hamburg und Neubrandenburg, selbst betreibt.

„Ein Sarg ist ein Gut, dass relativ groß ist“, erklärte Wessel die logistischen Herausforderungen, die seine Geschäftspolitik mitbestimmen. „Wir können nicht mit einem Sarg bis nach Siegburg fahren“, so der Unternehmer, der die letzte Sargfabrik im Kreis Warendorf betreibt und in Deutschland einen Marktanteil von über zwei Prozent hat.

Dabei hat sich in den letzten fünf Jahren in seiner Branche eine Verlagerung von der klassischen Beisetzung in Richtung Feuerbestattung abgezeichnet. Die Gründe dafür führt der seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Industriegebiet ansässige Unternehmer nicht zuletzt auf die zunehmende Mobilität der Deutschen zurück. Während die Großeltern noch in Drensteinfurt wohnen, sind deren Kinder und Enkel immer öfter in der Welt unterwegs, „was die Frage der Grabpflege aufwirft“, nannte Wessel einen Grund.

Zudem hat er die Erfahrung gemacht, dass eine Beerdigung nicht mehr die Wertigkeit besitzt, die sie vor zehn oder 15 Jahren hatte. „Im ländlichen Bereich werden deutlich bessere Särge verkauft als in Großstädten, weil das soziale Umfeld dort ein anderes ist. Man kennt sich“, sagt Wessel. Auch zeichnet sich ein Gefälle zwischen den neuen und alten Bundesländern ab. Während im Osten die Verstorbenen fast zu 90 Prozent kremiert werden, ist das Verhältnis zwischen Feuer- und Erdestattungen in den alten Bundesländern ausgeglichen.Für den Sargfabrikanten bedeutet dies, dass das er ein gutes Gespür für die Wünsche und Vorlieben seiner Kunden haben muss. Denn die Frage ist nicht, ob ein Sarg gekauft wird, sondern welcher. „Wir müssen unsere Produkte so gestalten, dass die Leute in einer solch schwierigen Lebenssituation, wie sie der Verlust eines Angehörigen darstellt, einen Sarg in der Form und Farbe finden, der ihnen zusagt“, erklärte Wessel. „Nur dann haben wir eine Chance, einen vernünftigen Sarg zu verkaufen.“ Er ist deshalb ständig bemüht, seine Produkte an den Zeitgeist anzupassen, um zu vermeiden, dass die Angehörigen sagen: „Hier gefällt mir sowieso nichts, also nehme ich das billigste Modell.“

Die Preise für einen Sarg beginnen im dreistelligen Bereich. Nach oben sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt.

Wessel erinnert sich an einen ganz besonderen Auftrag. Ein Bestatter aus Norddeutschland beauftragte ihn damit, einen Sarg in der Form eines Sportwagens herzustellen. Daraufhin wandte sich Wessel an eine Tischlerei, die sich darauf spezialisiert hatte, Holzmodelle von Prototypen für einen europäischen Fahrzeughersteller anzufertigen. Über diesen Weg war es ihm möglich, auch diesen ausgefallenen Sonderwunsch seines Kunden termingerecht zu realisieren.

In Drensteinfurt kümmern sich acht Schreiner um die Anfertigung der gesamten Produktpalette. Im Werk werden Särge aus Kiefer, Eiche, Pappel, Buche und Paulownia produziert. Althergebrachte Modelle wie Eichensärge mit Schnitzungen sind in der Produktion allerdings deutlich zeitintensiver als neuere Modelle, die aus Paulownia produziert werden. Diese für den Sargbau neue Holzart importiert das Drensteinfurter Unternehmen aus China.

Weil sein Team die Särge mit ausgefeilten Techniken industriell in Großserien herstellt, handelt es sich für die Mitarbeiter um ganz normale Arbeit. „Es gibt Leute, die bauen Schrankwände, wir bauen Särge“, sagte der Unternehmer, der selbst sein Handwerk von der Pieke auf erlernte. Nach Praktika im elterlichen Betrieb und bei der damaligen Sparkasse in Lüdinghausen, absolvierte Hans Heiner Wessel eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Im Anschluss an diese Lehre folgte ein Studium der Betriebswirtschaft in Rosenheim. Danach arbeitete Wessel vier Jahre lang in leitender Position in einem Industriehobelwerk in Karlsruhe.

Stolz ist der Unternehmer auf die Betriebszugehörigkeit seiner Mitarbeiter, die im Schnitt schon 22 Jahre im Unternehmen beschäftigt sind. Er selbst kann auf 25 Jahre Tätigkeit im Drensteinfurter Unternehmen zurückblicken.

Insgesamt begann alles vor 105 Jahren mit der Gründung einer Getreidemühle. Im Laufe der Jahre wurde dieser ursprüngliche Unternehmenszweig um ein Sägewerk, einen Baustoffhandel und ein Furnierwerk erweitert. Ab Mitte der 50-er Jahre wurden dann auch Särge produziert. Auf den Geschäftszweig der Sargproduktion konzentrierte man sich immer stärker. Mit dem Ergebnis, dass die Firma Wessel heute nicht zu den „ganz Kleinen“ in der Branche gehört.